„So fängt gelebte Teilhabe an“

27.08.2018

Kalle Krott, fachlicher Leiter von ZIK, und Christoph Kraschl, Teamleiter in der Wartenberger Straße, geben Einblicke in ein spannendes internes Pilotprojekt.

Kalle Krott und Christoph Kraschlzoom
Die „Teilhabekiste“zoom
 

Ein besonderer Karteikasten war in einem dreijährigen Projekt von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege entwickelt worden, unter Beteiligung von Menschen mit psychischen Einschränkungen oder Lernbehinderungen als Zielgruppe. 

Der Karteikasten mit der Bezeichnung „Teilhabe-Kiste“ und weitere zugehörige Elemente sollen zusammen als Instrument für die Planung und Auswertung von Teilhabe-Maßnahmen eingesetzt werden können.

Die „Aktion Mensch“ hatte das Vorhaben finanziert und das IPH-Institut Personenzentrierte Hilfen begleitete es in wissenschaftlicher Hinsicht. Christoph Kraschl hatte das Projekt koordiniert und war an der Entwicklung dieses Instruments sowie an der partizipativen Forschung beteiligt.

„Wie misst man Teilhabe in der Eingliederungshilfe?“ lautete der Projekttitel. Das daraus entstandene Instrument dient zweierlei: sowohl der Planung von Teilhabezielen als auch der Auswertung, ob die geplanten Teilhabeziele auch erreicht wurden.

Eine solche Wirkungsorientierung fordert auch das Bundesteilhabegesetz (BTHG), auf dessen Grundlage die Eingliederungshilfe derzeit umfassend reformiert wird. Dabei sollen das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention berücksichtigt und die erforderlichen Leistungen personenzentriert bereitgestellt werden, nicht mehr institutionszentriert.

Die ZIK-Teams setzen dieses Instrument nun in einem internen Pilotprojekt in ihren Einrichtungen ein, um es näher kennenzulernen und seine Anwendbarkeit zu prüfen.

Überlegungen zur Adaptierung der Teilhabekiste für ZIKzoom
Mit den Karten die eigenen Wünsche und Ziele findenzoom
 

Kalle Krott und Christoph Kraschl berichten über das Pilotprojekt, für das ein Arbeitskreis aus Mitarbeiter*innen der betreuenden Einrichtungen von ZIK gebildet wurde.

 
 

Um was es geht

 
 

Christoph Kraschl:

„Wir wollen mit diesem Instrument auch bei uns herausfinden: Was bedeutet Teilhabe für den Einzelnen?

Bekannt sind schon viele Teilhabeprobleme für Menschen mit Behinderungen: die Teilhabe am Arbeitsleben und der Zugang zu Wohnraum zum Beispiel.

Mit Nutzung des Instruments sollen Betroffene nun herausfinden und formulieren können, was sie selbst an Teilhabe erlangen möchten und wie sie ihre eigenen Ziele stecken wollen. 

Bei dem im Jahr 2014 abgeschlossenen Projekt wurden bereits bestehende Indikatoren für Teilhabe gesichtet und für die Sprache der Betroffenen umformuliert. 

Diese wurden dann in drei Durchläufen mit 80 Menschen mit Behinderungen auf die wichtigsten Teilhabe-Indikatoren verdichtet - mit dem Ergebnis der ,Teilhabe-Kiste’. Sie besteht aus Karteikarten mit möglichen Zielformulierungen und aus Teilhabebögen für die Erfassung der Teilhabeziele der Betroffenen. 

Für die ,Messung von Teilhabe’ gibt es passende Auswertungsbögen, um erfassen zu können, welche der formulierten Ziele in welcher Weise tatsächlich erreicht bzw. umgesetzt werden konnten, und um für die weitere Betreuung herauszufinden, welche Faktoren förderlich und welche hinderlich gewesen sind.

Das Instrument besteht also aus mehreren Elementen: aus der Teilhabe-Kiste mit ihren Karteikarten und den Bögen für die Formulierung von Teilhabe-Zielen sowie aus den Auswertungsbögen zur Erreichung bzw. Umsetzung jener Ziele.

Daher bezeichnen wir das Ganze auch als ,Teilhabe-Instrument’.

 
 

Was könnte das Instrument für ZIK leisten?

 
 

Kalle Krott:

„Damit können die Klient*innen im Prozess der Hilfeplanung gestärkt werden und es kann besser geklärt werden, welche Maßnahmen zur Erreichung der individuellen Teilhabeziele angepackt werden müssen.

Jede Teilhabeplanung erfolgt ja für definierte Zeiträume und mit den Ergebnissen der Auswertungen haben wir die Möglichkeit, sie wiederum in Absprache mit den Betroffenen und gemäß ihren Wünschen in ihre nächste Hilfeplanung einzubeziehen. 

So fängt gelebte Teilhabe an!“

 
 

Wird das ein neuer Standard für uns?

 
 

Christoph Kraschl:

„Flächendeckend und in allen Bundesländern wird das Teilhabe-Instrument nicht eingesetzt, es gab schon in der Entwicklungsphase durchaus Gegenwind von einigen Seiten, nach dem Motto: das Leben ist kein Wunschkonzert.“ 

Kalle Krott:

„Wir möchten darum mit dem Pilotprojekt in einer Arbeitsgruppe des Betreuten Wohnens, geschult von Christoph Kraschl, die Anwendung des Instruments kennenlernen und herausfinden, inwiefern es zu unserem Bereich passt, wo wären Anpassungen erforderlich und in welchem Umfang können wir es bei uns anwenden.“

Christoph Kraschl:

„Wir wollen die Position der Klient*innen im Prozess der Hilfeplanung stärken, das steht für uns an erster Stelle. Außerdem wollen wir mit dem wiederholten Einsatz der Teilhabe-Kiste und ihrer zugehörigen Erhebungsbögen herausfinden, wie viel von dem am Ende herauskommt, was wir uns mit den Klient*innen anfangs vorgenommen haben.

Wir müssen uns ja immer wieder die Frage stellen: Wie können wir unsere Klient*innen so unterstützen, dass sie ihre Teilhabe-Ziele möglichst erreichen können? Was ist hinderlich, was ist förderlich?

Wir hoffen, dass wir uns mit dem Einsatz dieses Teilhabe-Instruments noch verbessern können und zu hilfreichen Korrekturen in unserer individuellen Betreuungsarbeit finden können.“

 
 

Zwei Anforderungen: Teilhabe und Wirkungsorientierung

 
 

Kalle Krott:

„Es geht um zwei Ziele: um partizipative Teilhabeplanung und um Wirkungsorientierung. Dies sind die beiden Stichworte, um die es uns vor allem geht.

Wir arbeiten ja schon lange mit der für uns vorgegebenen Form von Hilfeplanung, dem Berliner Behandlungs- und Rehabilitationsplan (BBRP).

Mit dem BBRP lässt sich wirklich partizipative Teilhabeplanung oft nicht so umsetzen, wie wir uns das wünschen. Zwar gehen wir immer von den Zielen unserer Klient*innen aus, aber der Behandlungsplan wird auch für eine Begutachtung geschrieben, die meist durch den SpD (Sozialpsychiatrischer Dienst) erfolgt und die für das Fallmanagement des Sozialamts erforderlich ist. Das führt zu oft dazu, dass wir die einzubringenden Zielformulierungen an diesen Prozess anpassen und damit die Formulierungen der Klient*innen nicht mehr 1:1 darin vorkommen.

Wir suchen bei ZIK immer wieder nach Möglichkeiten, wie wir mehr von den Klient*innen ausgehend formulieren und Teilhabe schon in der Hilfeplanung besser verwirklichen können. Hier kann uns dieses Instrument für die Planung und Auswertung von Teilhabe-Maßnahmen weiterbringen.

Der Faktor Wirkungsorientierung ist hingegen in den Hilfeplänen gemäß BBRP bereits stärker als der Faktor Teilhabe berücksichtigt. Denn jeder Hilfeplan fragt uns auch nach Indikatoren, um später überprüfen zu können, inwieweit die definierten Ziele erreicht werden konnten. Wir fragen also nach der Wirkung unserer Betreuung.“

 
 

Ein echter Perspektivenwechsel

 
 

Christoph Kraschl: 

„Wir müssen eingestehen: In der Praxis kommt es vor, dass unsere Betreuer*innen die Interessen und Ziele der Betreuten vorformulieren, um sie dann mit den Betroffenen zu besprechen.

Mit dem Teilhabe-Instrument ändert sich die Perspektive: Die Hilfeplanung wird zu Zieleplanung, ausgehend von den Wünschen und der Sprache der Klient*innen – und ausgehend von Teilhabemöglichkeiten, nicht von Hilfsangeboten.

Dadurch dass die Formulierungen der Betroffenen stärker eingebracht werden, werden wir konkreter und transparenter; damit lassen sich auch konkretere Indikatoren für die Wirkungsbeurteilung formulieren.“

 
 

Umsetzung bei ZIK

 
 

Kalle Krott:

„Wir probieren das Instrument nun in den Einrichtungen gemeinsam mit unseren Klient*innen aus. Wir übertragen die Ergebnisse auch in den Hilfeplan, den BBRP. Dazu schauen unsere Kolleg*innen sich die Teilhabekarten an, die in diesem Karteikasten, der ,Teilhabe-Kiste’, angeboten werden, und sie überlegen, welche der dort angegebenen Teilhabeziele passen ggf. nicht für unseren Bereich und welche fehlen womöglich.

Beispielsweise ist das Thema Suchtproblematik, das viele unserer Klient*innen betrifft, in der vorliegenden Teilhabe-Kiste noch erkennbar unterbelichtet. Wir versuchen also, das Instrument noch etwas passgenauer auszugestalten.

Was soll am Ende des Pilotprojektes das Ergebnis sein? Ziel ist, dass alle Kolleg*innen das Instrument kennengelernt haben und es auf freiwilliger Basis nutzen können. Wenn Klient*innen Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Ziele zu formulieren, ist es auf jeden Fall ein hilfreiches Instrument. Inwieweit es darüber hinaus eingesetzt wird, werden wir nach Auswertung unserer jetzigen Pilotphase entscheiden.“

 
 

Die Pilotphase

 
 

Christoph Kraschl:

„Meine Aufgabe in der Pilotphase ist, aus jedem Team eine*n Mitarbeiter*in im Umgang mit dem Teilhabe-Instrument zu schulen, damit sie das Knowhow für die Anwendung in der Praxis in ihre Teams weitergeben.“

Kalle Krott:

„In dem Pilotprojekt arbeiten Kolleg*innen mit, die sich dafür interessieren und sich daher für den Arbeitskreis gemeldet haben. Sie wollen sich zu den Stichpunkten Teilhabe und Wirkungsorientierung weiterentwickeln.

Das Arbeiten mit der Teilhabe-Kiste und das Erstellen und Einbringen der gefundenen Zielformulierungen in den jeweiligen Hilfeplan erfordert von ihnen zunächst sicherlich zusätzliche Zeit.“

Christoph Kraschl:

„Ja, denn es ist etwas Neues und vor allem die Phase des Kennen- und Verstehenlernens kostet Zeit. Wenn man aber damit vertraut ist, wird der Zeitaufwand geringer sein.

Ein*e Klient*in kann sich dann auch mal eine halbe Stunde lang alleine mit den Karten befassen, passende aussuchen und auf dem Prioritätenbogen zuordnen: was ist ihm/ihr selbst sehr wichtig, was weniger...

Unsere Kolleg*innen können das Instrument auf unterschiedliche, je passende Weise verwenden, somit auch auf zeitsparende Weise. Dies wird sich in der Phase unseres Arbeitskreises vermutlich noch zeigen.“

Kalle Krott:

„Was wir da machen, ist ursprünglich eine zertifizierte Weiterbildung, die Christoph mitentwickelt hatte und die wir nun auf unsere Bedarfe ausgerichtet haben. Wir handhaben das Konzept als interne Fortbildung.

Es geht dabei auch um unser Menschenbild, unsere respektvolle Haltung gegenüber den Lebensentwürfen unserer Klient*innen. Und zugleich ist es eine Beschäftigung mit den Anforderungen des Bundesteilhabegesetzes.“

 
 

Ziele können sich wandeln

 
 

Christoph Kraschl: 

„Wie lassen sich die Ziele dann erreichen, die von Klient*innen formuliert und in den Hilfeplan aufgenommen werden?

Dazu fällt mir aus der Entstehungsphase der Teilhabe-Kiste ein Beispiel ein: Ein junger Mann mit Lernbehinderung hatte als Ziel formuliert, er wolle Rettungssanitäter werden, was den Betreuer*innen aufgrund seiner gesundheitlichen Situation eher unerreichbar erschien.

Der Klient wollte aber auf jeden Fall sich vor Ort umschauen und ein Praktikum machen. Tatsächlich konnte ihm ein ,Praktikum light’ bei einem Notarztteam ermöglicht werden. Dort wurden ihm die Anforderungen erläutert und er hat selbst erleben und verstehen können, dass sein Ziel wohl nicht umsetzbar ist.

Für ihn war es enorm wichtig, in der Realität zu erfahren, dass er den Anforderungen tatsächlich nicht gewachsen ist. Das hat ihm geholfen, seine Ziele anders auszurichten und neue, passendere Ziele zu formulieren.

Auch so funktioniert gelebte Teilhabe.“

 
 

Wird das neue Instrument akzeptiert?

 
 

Christoph Kraschl: 

„Spannend wird sein, wie die Gutachter und Kostenträger damit umgehen, wenn wir das Teilhabe-Instrument konsequent anwenden.

Erste Kolleg*innen haben die Zielformulierungen für die Hilfepläne nun aus der Perspektive ihrer Klient*innen formuliert, also mit Worten wie ‚Ich möchte erreichen, dass...’, und sie haben Indikatoren ebenfalls so formuliert wie: ‚Ich schaffe es, mindestens einmal in der Woche meinen Briefkasten zu leeren und die Post mit einer Vertrauensperson zu besprechen’.

Bisher hatten sie in die Hilfepläne eingetragen: ‚Der Klient hat dieses/jenes erreicht.’ 

Diese sprachliche Veränderung, die Betroffenen in der Ich-Form einzubringen, stärkt ja auch die Eigenverantwortung unserer Klient*innen, wie am Beispiel des Rettungssanitäters erkennbar wurde.

Also weg vom Fürsorge-Denken und hin zur Realisierung von Teilhabe...“

 
 

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