Arbeit und Leben mit Corona

10.06.2021

Über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in unserer Einrichtung „R 129“ berichten Klaus Mummenbrauer und Stefan Prager.

Stefan Prager, Klaus Mummenbrauer und Martin Gertler im Gesprächzoom

Vor gut einem Jahr änderte sich durch die Pandemie auch in den Einrichtungen von ZIK nahezu alles. 

Wie sind die Mitarbeiter:innen mit dieser Herausforderung umgegangen und welche Auswirkungen hatte das auf ihr Miteinander mit den Klient:innen?

 
 

Klaus Mummenbrauer und Stefan Prager sprachen mit Martin Gertler über ihre Erlebnisse und Erfahrungen nach dem ersten Jahr mit der Pandemie.

Auf einmal war alles anders

Die Bezugsbetreuung musste im März 2020 von jetzt auf gleich auf das Notwendigste minimiert werden: Es ging um mehr Abstand und weniger Kontakte. Wie habt ihr das aufgefangen?

Klaus Mummenbrauer

Wir mussten uns noch mehr kümmern um die Menschen, denen es nicht gut geht und die Ängste haben. Wir sind für sie einkaufen gegangen, haben Arztbesuche organisiert, wir mussten Substitute besorgen und die bestehenden Kontakte minimieren. 

Manche haben wir dann öfter als bisher besucht. Die Betreuung fand eher auf der Straße statt und nicht mehr in den kleinen Wohnungen, in denen wir nicht genügend Abstand halten konnten.

Stefan Prager: 

Wir haben den Fluchtbalkon sozusagen zum Besprechungsraum ausgebaut, trafen uns also auf Balkonen und auf unserer Dachterrasse. Manche sind sehr auf Tagesstruktur angewiesen, aber auch die Tagesstätte musste ja ihr Angebot stark reduzieren. Dennoch konnten wir solche Menschen auffangen, gemeinsame Spaziergänge wurden schnell enorm wichtig. 

Wir haben faktisch jede*n an jedem Tag mindestens einmal gesehen, wie zuvor auch, aber eben doch auf andere Weise, nämlich unter den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen.

Betreuungsaufgaben stets durchgehalten
 
 

Ängste und Sorgen

 
 

Niemand war auf diese enormen Veränderungen vorbereitet. Plötzlich musstet ihr handeln, ohne darauf vorbereitet gewesen zu sein. 

Klaus Mummenbrauer:

Wir selbst hatten dabei auch Ängste. Unsere gewohnten Teamsitzungen und die Supervision mussten entfallen – beide sind wichtige Faktoren in unserem Arbeitsalltag. 

Und natürlich sorgten wir uns, dass wir unsere Klient:innen infizieren könnten. Das ist eine eher unterschwellige Angst gewesen.

Stefan Prager:

Mir halfen die Masken. Sie gaben uns das Gefühl, sicherer mit den Betroffenen umgehen zu können und dass das Risiko eher gering war, dass man selbst als Betreuender das Virus an die Klient:innen weitergeben würde. 

Die Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche und der Austausch unter den Kolleg:innen waren nur sehr eingeschränkt möglich, das war schon auch ein Einschnitt. So suchten wir uns andere Wege, um uns abzustimmen, wenn Fragen aufkamen, und sei es telefonisch. Wir mussten uns ja auch untereinander vor einer Ansteckung mit dem Virus schützen.

Angebote für die Klient:innen

Was blieb übrig von dem, was ihr den Bewohner:innen und den einzel wohnenden Klient:innen zuvor anbieten konntet? Die zuvor bestehenden Gruppen wurden ja im März 2020 geschlossen.

Klaus Mummenbrauer:

Ja, und auch das Bewohnercafé im früheren offenen Rahmen war weggefallen. Wir hatten dann im Frühjahr einfach mal spontan manche der Bewohner:innen auf einen kurzen Kaffeeplausch auf dem Balkon aufgesucht. Gerade bei solchen, von denen wir wissen, dass sie viel allein sind, war es uns wichtig, auch mal locker über dies und das mit ihnen zu reden. Es war der Versuch, so etwas wie Normalität im früheren Sinne walten zu lassen. 

Daneben gibt es auch immer Ernstes zu besprechen – aber zusätzlich sorgen wir nun auch immer mal für den lockeren Austausch, der ja insgesamt unter den Bewohner:innen pandemiebedingt nicht mehr so möglich war und ist wie früher.

Mitunter musste man auch mal mit jemandem ein Runde um den Block machen, um dabei belastende Themen aufzugreifen und Lösungen zu suchen. Damit konnten wir auch helfen, manche Aggressionen und Anspannungen abzubauen.

Stefan Prager:

Im letzten Sommer haben wir auf der Dachterrasse das Bewohnercafé wiederbeleben können. Wir konnten dort die Hygienemaßnahme umsetzen, das hat uns Sicherheit gegeben.

Auch die Klient:innen machen seitdem richtig gut mit. Dies miteinander so tun zu können, das stärkte sogar die Verbindung mit ihnen.

Klaus Mummenbrauer:

Maskentragen zu müssen war für manche von ihnen anfänglich problematisch. Sie verstanden, dass und warum es sein muss, zugleich fühlten sie sich dabei unwohl. Und doch ist dann keiner aus der Kaffeerunde ausgestiegen, auch wenn man nur mal eben zum Trinken die Maske abnehmen darf. Der Wunsch nach etwas Geselligkeit und nach Austausch ist offenbar stärker. 

Manche Bewohner:innen tun sich auch nach einem Jahr der Pandemie noch schwer damit, ihre Masken zu nutzen. Mit Fingerspitzengefühl, Humor und Beharrlichkeit gelingt es uns in der Regel, sie doch dazu bewegen, die Masken zu tragen.

Stefan Prager:

Die Angst der Klient:innen, durch uns angesteckt zu werden, war von Beginn an nicht sehr groß. Sie sind froh über das, was an Kontakten nun doch noch möglich ist.

Bewohnercafé auf der Dachterrasse

Besser als erwartet

Das klingt nach einer gelungenen Anpassung an die gegebenen Umstände. Gab es keine Probleme bei Klient:innen, etwa durch Überforderung und Stress aufgrund ihrer Vorbelastungen?

Klaus Mummenbrauer:

Es ist wirklich schön zu sehen, dass und wie die meisten unserer Klient:innen durch diese doch große und einschneidende Krise bisher hindurch gekommen sind. 

Depressive Einbrüche oder Zunahmen von Suchterscheinungen gab es in Ansätzen, aber im Großen und Ganzen ist es tatsächlich gelungen, dass die Klient:innen mehrheitlich stabil geblieben sind. Das halte ich für sehr positiv. 

Auch unter den Mitarbeiter:innen ist es erfreulich zu sehen, dass die Stimmung noch gut ist, dass man trotzdem lacht, dass man sich auch austauscht über die Ängste, die uns bewegen. 

Ich finde, das ist uns gut gelungen.

Stefan Prager:

Ich glaube, dass es für uns als Mitarbeiter:innen auch gut ist, immer wieder hier zu sein. Wir gehen gern in unsere Einrichtung und auch wenn es nicht mehr so wie früher ist, als man noch zu fünft zusammen zu Mittag gegessen hatte, aber wir haben doch immer den Austausch und man sieht ja immer noch nette Gesichter, sogar hinter den Masken. Der Zusammenhalt im Team ist nach wie vor doch sehr spürbar. 

Und anders als bei anderen Therapiemodellen sind wir ja nicht umgestiegen auf telefonische oder Online-Betreuung, sondern wir haben den persönlichen Kontakt mit unseren Klient:innen in der Einrichtung vor Ort aufrechterhalten.

Diejenigen von ihnen, die außerhalb wohnen und mit denen wir im Rahmen des Betreuten Einzelwohnens arbeiten, hatten wir gleich seit Beginn der Pandemie täglich einmal angerufen, um zu fragen, wie es ihnen geht, und um anstehende Termine oder Maßnahmen zu besprechen. Zuvor hatten wir lediglich ein oder zwei Betreuungstermine pro Woche mit ihnen. Mit Aufkommen der Pandemie erkundigten wir uns täglich und sie merkten, dass sie nicht alleingelassen wurden.

Klaus Mummenbrauer:

Im Haus haben wir täglich Kontakt zu allen Bewohner:innen, da haben wir eh keine Wahl und wir müssen den Kontakt halten. Schließlich gibt es bei allen einen Notrufknopf und wenn der gedrückt wird, dann müssen wir hin, egal was los ist. Oder sie kommen und klingeln bei uns. 

Wir müssen auch weiterhin schauen, ob in den Wohnungen alles in Ordnung ist. Wir mussten immer schon persönlich auf alles Notwendige reagieren. An all diesen Herausforderungen konnte auch die Pandemie nichts ändern.

Stefan Prager: 

Wir sind erfreulicherweise ja bisher verschont geblieben, was Infektionsausbrüche betrifft. Dazu haben die Hygieneregeln eine Menge beigetragen. 

Dennoch den Bewohner:innen einen Ausgleich anzubieten für das, was in der Tagesstruktur der Einrichtung entfallen musste, das war uns von Beginn an enorm wichtig. 

Betreuung im Freien

Bleibende Veränderungen

Was nehmt ihr mit aus dem, das die Bewohner:innen und euer Team in einem Pandemie-Jahr erlebt und als neu ausprobiert und eingeführt habt?

Stefan Prager:

Für uns selbst hat sich wirklich manches geändert, denn wir sind in der Regel für einen Tag im Home Office, die technischen Voraussetzungen wurden dazu geschaffen, und auf diese Weise belegen wir unsere gemeinsam genutzten Büros nicht mehr gleichzeitig.

Klaus Mummenbrauer:

Manchmal waren wir sogar den Regelungen voraus, etwa wenn es ums Abstandhalten und Maskentragen ging. Es war uns bald auch nicht mehr geheuer, zu zweit in den kleinen Büros zu sitzen, das wollten wir so nicht mehr handhaben. 

Wir haben dann unsere Dienstpläne passend umgestellt: Wie viele Kolleg:innen müssen von zu Hause aus arbeiten, damit die anderen in der Zeit allein die Zweier-Büros nutzen können? Auch diese Aufgabe hatten wir bald gelöst.

Stefan Prager:

Ich denke, dass wir die inzwischen etablierten Home-Office-Tage mitsamt den zugehörigen technischen Ausstattungen auch weiterhin nutzen werden, zumal noch gar nicht abzusehen ist, ob und wann die Pandemie eines Tages endet. 

Durch das Corona-Geschehen sind wir tatsächlich seit inzwischen über einem Jahr in Trab gehalten worden. Ständig stellen sich neue Herausforderungen: Was tun wir, wenn jemand von unseren Bewohner:innen in Quarantäne geschickt wird? Wann können wieder Gruppenaktivitäten gestartet werden? Für wen sollte eventuell ein Impftermin verlegt werden?

Klaus Mummenbrauer:

Im ersten Pandemiejahr fehlte uns natürlich auch die Orangerie, unser Kiezrestaurant. Und das Schöne war, dass das dortige Team dann für alle unsere Klient:innen, die das wollten, gekocht hat. Das war wirklich toll, denn mit dem Einkaufengehen war es ja auch schwierig geworden für unsere Bewohner:innen. 

Auch die Zusammenarbeit mit dem FELIX-Pflegedienst war in dieser alles verändernden Zeit sehr gut. Sie haben auch Tests gemacht, wenn es notwendig erschien. 

Also, da hat der Zusammenhalt bei uns im Kiez wirklich gut geklappt!

Wir hoffen nun, dass die Impfungen den erwarteten Erfolg bringen und sich dadurch die Kontakte zu den Klient:innen und Kolleg:innen erleichtern.

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